Vom 30. Juni bis 1. Juli 2026 findet auf dem Gelände der Messe Berlin die zweite GITEX AI EUROPE statt. Die Veranstalter rechnen mit rund 950 Unternehmen und Startups, mehr als 600 Investoren und über 150 Sprechern aus mehr als 80 Ländern. Thematisch geht es um KI, Cloud-Infrastruktur, Cybersecurity, Rechenzentren, Kapital und digitale Souveränität. Damit liegt der Schwerpunkt auf den Feldern, in denen Europa politisch viel formuliert, wirtschaftlich aber weiter aufholen muss. Genau dort liegt Europas Problem. Der Markt ist groß, die Forschung stark, die industrielle Basis vorhanden. Bei skalierbaren KI-Plattformen, eigener Rechenleistung und globalen Ökosystemen dominieren aber weiterhin andere.
Digitale Souveränität bleibt der rote Faden
Ein Schwerpunkt der GITEX AI EUROPE liegt auf digitaler Souveränität. Gemeint ist damit nicht nur die politische Forderung nach mehr Unabhängigkeit, sondern vor allem die praktische Grundlage dafür: Rechenzentren, Cloud-Angebote, sichere Datenräume, Energieversorgung und eigene KI-Anwendungen. Ohne diese Infrastruktur bleibt der Begriff schnell abstrakt. Bundesdigitalminister Karsten Wildberger soll auf der Konferenz über Europas Fähigkeit sprechen, Dateninfrastruktur schnell genug aufzubauen, zu regulieren und mit Energie zu versorgen. Seine Grundlinie ist bekannt: Europa soll nicht versuchen, die Stärken anderer Märkte zu kopieren, sondern eigene Vorteile nutzen. Dazu gehören eine starke industrielle Basis, technisches Know-how und große Mengen industrieller Daten.
Genau darin liegt eine der zentralen Fragen der kommenden Jahre. Europa kann KI nicht allein über Regeln gestalten. Entscheidend wird sein, ob aus industriellen Daten, Forschung und vorhandenen Unternehmen auch marktfähige Produkte entstehen. Regulierung kann Vertrauen schaffen, ersetzt aber keine Rechenleistung, keine Plattformen und keine skalierbaren Geschäftsmodelle.
Berlin als Standort für KI und Kapital
Berlin spielt bei der Veranstaltung nicht nur die Rolle des Gastgebers. Die Stadt positioniert sich seit Jahren als europäischer Standort für Startups, KI und Risikokapital. Laut Dealroom kommt das Berliner Startup-Ökosystem auf einen Wert von 169 Milliarden Euro. Zudem werden 57 Unicorns und mehr als 9.000 KI-Fachkräfte genannt.
Damit gehört Berlin zu den wichtigeren europäischen Knotenpunkten für junge Technologieunternehmen. Zugleich bleibt der Standort stark von internationalem Kapital, Fachkräften und Partnerschaften abhängig. Die Messe soll daher nicht nur Sichtbarkeit schaffen, sondern auch Kontakte zwischen Gründern, Investoren, Industrie und Politik ermöglichen.
Für Deutschland ist das ein relevanter Punkt. Viele KI-Anwendungen werden nicht im luftleeren Raum entstehen, sondern in Verbindung mit Industrie, Maschinenbau, Chemie, Mobilität, Energie und Verwaltung. Berlin kann hier als Schaufenster dienen. Ob daraus dauerhaft mehr Wertschöpfung entsteht, entscheidet sich aber weniger auf der Bühne als in den Projekten danach.
Unternehmen zeigen Cloud-, KI- und Sicherheitslösungen
Auf der Ausstellungsfläche werden mehrere große Technologieanbieter vertreten sein. Genannt werden unter anderem AWS, Cloudflare, HPE, Red Hat, Salesforce, ManageEngine und weitere Anbieter aus Cloud, Cybersecurity und Enterprise-IT. Dazu kommen Formate von OpenAI und Google, die sich stärker an praktische Anwender richten sollen. Auch deutsche Unternehmen sind Teil der Veranstaltung. BASF und Bosch stehen dabei eher für die industrielle Perspektive, während DeepL als Beispiel für ein europäisches KI-Unternehmen gilt, das international sichtbar geworden ist. Gerade solche Beispiele sind für die europäische KI-Debatte wichtig, weil sie zeigen, dass Wettbewerbsfähigkeit nicht nur über Grundlagenmodelle oder Hyperscaler definiert wird.
Trotzdem bleibt die Ausgangslage anspruchsvoll. Viele Unternehmen stehen beim KI-Einsatz noch zwischen Pilotphase und produktivem Betrieb. Der Wechsel von internen Tests zu belastbaren Workflows ist technisch, organisatorisch und rechtlich deutlich schwieriger als viele frühe KI-Demos vermuten ließen.
Startups treffen auf Investoren
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Startups. Im Rahmen von North Star Europe sollen mehr als 500 junge Unternehmen aus Bereichen wie Industrial AI, Deep Tech und Quantum Security vertreten sein. Ihnen stehen nach Angaben der Veranstalter mehr als 600 Investoren gegenüber, die zusammen Kapital in Höhe von rund einer Billion US-Dollar verwalten. Für europäische Startups ist genau dieser Zugang entscheidend. Viele Unternehmen scheitern nicht an der Idee, sondern am Übergang in größere Märkte. Deep-Tech- und KI-Projekte benötigen lange Entwicklungszeiten, teure Infrastruktur und Kunden, die bereit sind, neue Technologien produktiv einzusetzen. Ohne ausreichend Kapital bleiben viele Ansätze in der Pilotphase stecken.
Auch größere Wachstumsunternehmen sollen auf der Konferenz vertreten sein. Genannt werden unter anderem Delivery Hero und Perplexity. Damit deckt die Veranstaltung nicht nur frühe Gründungen ab, sondern auch die Frage, wie KI in bestehenden Geschäftsmodellen zum Standardwerkzeug wird.
KI braucht Infrastruktur, nicht nur Modelle
Die GITEX AI EUROPE dürfte vor allem zeigen, dass der KI-Wettbewerb längst nicht mehr nur über Modelle entschieden wird. Rechenleistung, Energie, Datenzugang, Sicherheit und Integration in bestehende Systeme sind inzwischen mindestens genauso wichtig. Unternehmen brauchen keine weitere Grundsatzdebatte über KI, sondern belastbare Wege vom Test in den Alltag. Gerade für Europa ist das entscheidend. Wer digitale Souveränität ernst meint, muss mehr bieten als regulatorische Leitplanken. Es braucht Cloud-Angebote, lokale oder europäisch kontrollierbare Infrastruktur, sichere Datenverarbeitung und ausreichend Kapital für Unternehmen, die aus Forschung marktfähige Produkte machen.
Die Veranstaltung in Berlin liefert dafür eine Bühne. Ob sie mehr ist als ein weiteres Branchentreffen, hängt am Ende davon ab, ob aus den Gesprächen konkrete Partnerschaften, Investitionen und technische Projekte entstehen. Die Themen sind bekannt. Jetzt geht es darum, sie schneller umzusetzen.
