Digitalisierung und Deutschland sind zwei Wörter, die man selten miteinander verbindet. Überall liest man von schleppendem Glasfaserausbau, monatelanger bürokratischer Hürden und fehlendem Personal in Ämtern oder Behörden. Es ist zwar nicht alles Gold, was glänzt, doch trotz vieler negativer Schlagzeilen will sich vor allem die Stadt München aus dem schlechten Licht rücken und die Digitalisierung innerhalb der Stadt um ein Vielfaches vorantreiben. Unterstützen soll dabei die hauseigene künstliche Intelligenz »MucGPT« und ein zukunftsfähiger Plan der Stadtverwaltung. Deskmodder konnte einen Blick hinter die Kulissen der KI-Entwicklung werfen und erhielt ein exklusives Interview mit Dr. Laura Dornheim (Bündnis 90/Die Grünen), IT-Referentin und Chief Digital Officer (CDO) der Stadt München.

Ziele, Aufgaben und Fakten zum IT-Referat:
Das IT-Referat verantwortet die gesamte IT der Landeshauptstadt München. Es gestaltet und stellt innovative, digitalisierte Methoden unter dem Motto »München. Digital. Erleben.«, zur Verfügung. Die Bedürfnisse und Wünsche der Stadtgesellschaft, Bildungseinrichtungen, Unternehmen und deren Partner stehen dabei im Mittelpunkt. Ziel ist es, die digitale Vision für jeden spürbar und erlebbar zu machen.
- Über 100.000 Online-Termine in der Verwaltung pro Monat
- 19.000 M-WLAN Hotspots
- 890.000 M-WLAN Nutzer
- 1580 betreute IT-Standorte in München
- Über 300 Online Dienste über Formularserver
- 2.901.450 darüber eingereichte Online-Anträge
- 300 offene Datensätze (Open-Data München Statistik)
Stand der Daten: November 2025
Wie künstliche Intelligenz bei der Stadt eingesetzt wird:
MUCGPT ist der digitale Assistent der Stadt München. Dr. Laura Dornheim beschreibt ihn im Interview als einen Assistenten, der unermüdlich Texte generiert und der städtische Mitarbeiter bei der Kommunikation, aber auch bei Brainstormings unterstützt. Dabei arbeite MUCGPT datenschutzkonform und stelle bald auch münchen-spezifische Informationen bereit. Dank der von Anfang an verfügbaren Open-Source-Lösung kann jeder mitmachen. Besonders gelobt wird das Empfehlungstool der Stadtbibliotheken (Inspira_BIB). Damit stöbert man statt zwischen den Regalen einer Bibliothek direkt auf dem eigenen Display zu Hause oder im Büro. Auch die Suche auf muenchen.de verwendet KI. Sie ist so konfiguriert, dass stets die relevantesten Ergebnisse angezeigt werden. Mitarbeiter und Bürger der Stadt München sollen so ohne langes Suchen schnell zum gewünschten Ergebnis kommen, ohne sich durch ein Suchchaos quälen zu müssen.

Weniger Chaos im Straßenverkehr dank KI:
Auch für die Verkehrsplanung kommt KI zum Einsatz. Mithilfe von Hochrechnungen und Validierungen von Verkehrsdaten werden eine präzise Planung und Optimierung des städtischen Verkehrsflusses ermöglicht. Dadurch kann die Infrastruktur effizienter genutzt werden und Staus können reduziert werden.
IT an Münchner Bildungseinrichtungen und Behörden:
Technologischer Fortschritt sollte auch an den Bildungseinrichtungen von München nicht vernachlässigt werden. Die Münchner Bildungs-IT hat sich das Ziel gesetzt, eine technische Lösung zu entwickeln, die Lehrkräften einen digitalen Unterricht ermöglicht. Um das Ganze Kosteneffizient umzusetzen, setzt man hierbei auf bedarfsorientierte Standards. Im Fokus stehen Stabilität und Benutzerfreundlichkeit, um Pädagogen zu entlasten und Freiräume für die persönliche Gestaltung des Unterrichts zu bieten. Zusätzlich wird der Einsatz neuer Technologien evaluiert, um den Unterricht der Zukunft noch besser gestalten zu können.

Auch Kinder aus finanzschwachen Haushalten erhalten Unterstützung:
Die Stadt München nimmt am bayrischen Projekt »Digitale Schule der Zukunft« teil. Zu dem verbessert die Stadt die Möglichkeiten für Kinder aus finanzschwachen Haushalten. Bis zu 350 Euro bekommen solche Haushalte für ein Endgerät das in der Schule genutzt wird. Selbst wenn das Geld dann immer noch nicht reichen sollte, gibt es trotzdem die Option, ein Leihgerät zu erhalten. So will man sicherstellen, dass niemand ausgeschlossen wird und jeder die Chance auf gleichwertige Bildung bekommt.
Abhängigkeit von Microsoft, Apple und Co.?
Betrachtet man die aktuelle politische Lage, planen immer mehr Unternehmen sich von Microsoft und anderen amerikanischen Soft- und Hardwareunternehmen abzuwenden. Früher hat die Stadt mit ihrem »LiMux«-Projekt neue Maßstäbe setzen wollen, aber am Ende doch nicht mehr fortgeführt. Meine Frage an Frau Dornheim war, ob man plant, wieder auf Open Source Lösungen zu setzen oder lieber bei den Altbewährten Dingen bleibt. Auf meine Frage habe ich folgende Antwort bekommen:
»Die Stadt München setzt weiterhin stark auf Open Source. Beispiele dafür sind die Terminvereinbarung, aber auch das Interface von MucGPT. Ein Wechsel des Arbeitsplatzbetriebssystems steht allerdings derzeit nicht auf der Tagesordnung. Wir beobachten genau, was sich im Bereich freier Software entwickelt, bleiben aber für die nächsten Jahre bei dem, was wir haben. Denn einen mehrfachen Systemumstieg innerhalb weniger Jahre möchte ich den Mitarbeiter*innen der Stadt München nicht zumuten.«
Es scheint so, als plant man also erstmal keinen Wechsel auf neue Software-Infrastruktur und bleibt bei aktuellen Herstellern und Unternehmen. Hier bleibt abzuwarten, wie sich die Lage entwickelt und ob man sich in ein paar Jahren nicht doch dazu entscheidet, 100 Prozent auf Open Source zu setzen.
Die Digitalisierung von Ämtern und Behörden:
Viele Länder wie Schweden, Dänemark oder Lettland haben ihre Bürokratieangelegenheiten in großen Teilen digitalisiert. Oft ist es nicht einmal mehr notwendig, einen Termin im Bürgerbüro zu vereinbaren. Plant die Stadt, diesen Schritt ebenfalls zu gehen, um Behördengänge zu vermeiden und die Auslastung derer entsprechend minimieren zu können?
»Auf jeden Fall. Mit über 300 Online-Services sind wir die Smart City Nr. 1 – der Titel zeigt uns, dass wir bei der Digitalisierung schon vieles richtig machen und wir werden diesen Weg konsequent weiter gehen. Wir arbeiten weiterhin daran, das Warten auf dem Amt überflüssig zu machen. Vom Behördengang zum Behördenklick, das ist unsere Mission.«
Digitalisierung innerhalb der nächsten Jahre und EUDI-Wallet:
Zum Abschluss des Interviews habe ich Frau Dornheim noch gefragt, wie die digitale Zukunft der Stadt in vielen Jahren aussehen könnte und ob man eine zeitnahe Umsetzung der EUDI-Wallet plant.
»In den nächsten fünf Jahren werden wir die Digitalisierung weiter voran bringen. Wir transformieren von der eAkte bis hin zu sinnvollen KI-Tools. In zehn Jahren sprechen wir hoffentlich von einer Verwaltung, die nicht nur effizient digitalisiert ist, sondern proaktiv die Bedürfnisse der Bürger*innen angeht. Der nächste große Schritt könnte die Einführung der EUDI-Wallet bis 2027 und dann eine entsprechende Verwaltungsakt-App für ganz Deutschland sein. Wir beobachten die entsprechenden Entwicklungen auf Bundes- und EU-Ebene genau und haben natürlich den Anspruch auch hier vorne mit dabei zu sein.«
Die Entwicklung von MUCGPT:
Neben der IT-Referentin und CDO konnten wir von Deskmodder einen exklusiven Einblick hinter die Kulissen von MUCGPT werfen. Zwei Entwickler haben sich bereiterklärt, uns zu diesem Thema ein paar Fragen zu beantworten.
Einstieg und Hintergrund:
Zum Einsteig wollten wir wissen, was die Hauptmotivation hinter MUCGPT war, wer hinter dem Projekt steckt und warum man sich für ein eigenes LLM-Frontend entschieden hat, statt auf bestehende Tools wie ChatGPT zurückzugreifen. Das grundsätzliche Ziel war es, alle Mitarbeiter der Stadt München bei der Arbeit unterstützen zu können. Man brauchte allerdings eine Lösung, die leicht zu bedienen ist und allen Datenschutzrichtlinien gewachsen ist. Man gründete ein kleines Team mit Entwicklern, Testern und Entscheidungsträgern. Am Ende einigte man sich aufgrund kaum verfügbarer LLM-Frontends für eine eigene Open Source Lösung, die sogar auf GitHub einsehbar ist. Die Kombination aus allem wuchs dann zusammen und es entstand die eigene KI-Lösung MUCGPT.
Funktionalitäten und Datenspeicherung im Detail:
Wir wollten wissen, wie MUCGPT genau funktioniert und haben daher gefragt, was diese KI so auf dem Kasten hat. Grundsätzlich ist es so, dass man weder personalisierte noch kontextbezogene Antworten erhält, weil diese nicht Account bezogen gespeichert werden, um den Datenschutz gewährleisten zu können. Die KI erinnert sich nur an die Themen, solange der Verlauf oder Cache des Browsers nicht geleert wird. Als Sprachmodell greift man auf das Unternehmen OpenAI, also die Gründer von ChatGPT, zurück. Auch das französische Modell »Mistral« hat man bereits getestet. Das konnte bisher aber noch nicht überzeugen. Die Speicherung der Daten wird innerhalb der EU verwaltet. Hier setzt man auf Azure Server mit entsprechender Ausstattung. Auch über Self Hosting hat man nachgedacht. Das erfordert für die Realisierung allerdings starke GPUs und viel Rechenleistung.
Nutzerbasis und Use Case:
Die Zielgruppe von MUCGPT sind hauptsächlich die Mitarbeiter der Stadt München. Es ist allerdings in Zukunft geplant, das Angebot auch auf die Bildungseinrichtungen der Stadt München zu erweitern. Genutzt wird die künstliche Intelligenz, um Mitarbeitern die Arbeit zu erleichtern. Mit Chat, Textzusammenfassung und Brainstorming-Tools können Benutzer schnell und einfach Inhalte generieren, ihre Ideen organisieren und ihre Produktivität steigern.
Zukunftspläne:
Das im Jahr 2024 eingeführte MUCGPT wird auch heute schon regelmäßig innerhalb der Stadt München eingesetzt. Laut den Entwicklern hinter dieser Anwendung plant man, die Software so lange wie möglich am Leben zu halten und Mitarbeitern den Alltag in vielen Dingen zu erleichtern. Aktuell konnte man nicht sagen, ob es die künstliche Intelligenz in zehn Jahren noch geben wird. Man hoffe allerdings, dass das der Fall sein wird und sich die Software stetig weiterentwickeln kann.
Abschließendes Fazit:
Die Stadt München plant, die Digitalisierung innerhalb der Stadt weiter voranzutreiben. Mit MUCGPT hat man bereits einen digitalen Start hingelegt und besitzt damit auch eine grundlegende Basis für weitere, digitale Services und Dienstleistungen. Wenn die Entwicklung weiterhin in dieser Geschwindigkeit voranschreitet, ist man meiner Meinung nach auf einem guten Weg in eine digitale Zukunft. Vielen Dank an die Stadt München für das Interview!



Verstehe ich das richtig, dass MUCGPT effektiv ein Wrapper um ChatGPT ist, der auf GPT-4o beschränkt ist und den Kontext ignoriert?
Aus Seiten des Datenschutz sehe ich da ebenfalls ein Problem, denn die Anfragen werden immer noch an einen externen Anbieter (OpenAI) zur Verarbeitung gesendet. Man sendet zwar keinen Chatverlauf, aber wenn ein Mitarbeiter mit einer Antwort nicht zufrieden ist, wird er sie anders formulieren. Dadurch entsteht auf Seiten von OpenAI ein Verlauf, aus dem sich Zusammenhänge schliessen lassen.
Worin besteht hier also ein Mehrwert?
Nein, kein direkter „Wrapper“ in dem Sinne. Innerhalb von MUCGPT werden weitere Sprachmodelle getestet. Aktuell arbeitet man an der Implementierung von Mistral. Bisher hat sich nur 4o so richtig durchgesetzt, weil dieses Modell die besten Ergebnisse liefert.
Zum Thema Datenschutz wurde mir gesagt, dass man sich München-Seitig so gut wie möglich daran halten wird. Wie OpenAI die API Abfragen am Ende verarbeitet, kann man natürlich nicht, bzw. nur schwer beeinflussen
Danke für die Erklärung. Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Ist an sich ein cooles Projekt. Wenn man dann noch irgendwann auf ein OpenSource-LLM umstellt und das auf eigener bzw. in Deutschland gemieteter Infrastruktur zum Laufen bringt (Hardware wird immer billiger und leistungsfähiger; so ein Rack mit 8x A200 Karten und entsprechend viel RAM etc. kostet irgendwas bei EUR 230.000,-), wäre das eines der wenigen digitalen Leuchtturmprojekte, die Deutschland vorweisen kann.
Hallo,
während es löblich ist das München in Zukunftstechnologie investiert, sollte dies nicht als Normal dargestellt werden.
~11.000 Kommunen in Deutschland davon sind 98% Kommunen der Größe kleiner als 20.000 Einwohner.
München hat ~1,6 Millionen Einwohner. Etat von München Jährlich ~12 Milliarden €.
Eine Kommune mit ~13.000 Einwohner hat ein Etat von ~20-30 Millionen €.
Dort ist in der Regel nicht mal ein ausgebildeter IT’ler im Dienst, sondern ein Verwaltungsfachangestellter ohne fachliche Kenntnisse im Bereich der IT.
Damit will ich aufzeigen wie komplett anders die Voraussetzungen sind und dass die normale Kommune in Deutschland das gar nicht leisten kann, weder Haushalt noch Fachpersonal.
Solange das alles optional ist kein Thema. Ich würde nie Behördengänge digital machen oder Termine etc oder dem Staat von mir irgendwelche Online Adressen zur Verfügung stellen,gerad ewo die ganze IT Services von irgendwelchen externen privaten Dienstleistern gemacht wird.. Hier gilt alles schön analog! Ansonsten müsste mir der Staat eine Art Diensthandy oder Laptop zur Verfügung stellen wo er dafür haftet bzw. für die IT Sicherheit für das Gerät haftet und dann nicht zu letzt der Bürger der dumme ist!