TikTok: EU nimmt Empfehlungsalgorithmus ins Visier – hohe Geldstrafe möglich

TikTok soll seinen Empfehlungsalgorithmus umbauen. Das fordert die EU-Kommission nach einer Untersuchung der „Für Dich“-Seite, auf der Nutzer fortlaufend neue Videos vorgeschlagen bekommen. Nach Ansicht der Behörde berücksichtigt TikTok die möglichen gesundheitlichen Folgen dieser Personalisierung nicht ausreichend. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen sieht Brüssel Risiken. Die am Freitag veröffentlichten Ergebnisse sind vorläufig, könnten für den Konzern aber weitreichende Konsequenzen haben. Die Untersuchung ist Teil eines bereits seit Februar 2024 laufenden Verfahrens nach dem Digital Services Act (DSA). Die Kommission beanstandet insbesondere, wie TikTok aus dem Nutzungsverhalten Rückschlüsse auf persönliche Interessen zieht und daraufhin weitere Videos auswählt. Auch die bisherigen Möglichkeiten, unerwünschte Empfehlungen einzuschränken, überzeugen die Behörde nicht.

Symbolfoto: unsplash

Die Wiedergabedauer wird zum Problem

TikTok muss nicht darauf warten, dass jemand ein Video bewertet oder kommentiert. Bereits die Zeit, die ein Nutzer mit einem Beitrag verbringt, liefert dem Empfehlungssystem Informationen. Wer bei bestimmten Inhalten länger hängen bleibt, bekommt häufiger Videos mit ähnlichen Themen angezeigt. Die EU-Kommission kritisiert, dass dieser Mechanismus auch bei belastenden Inhalten greift. Beschäftigt sich jemand beispielsweise mit Einsamkeit, Traurigkeit oder dem eigenen Körperbild, können entsprechende Videos einen immer größeren Teil des Feeds einnehmen. Dafür verwendet die Behörde den Begriff „Rabbit Hole“. Gemeint ist eine Art thematischer Sog: Aus einigen wenigen Videos entwickelt sich eine Folge immer ähnlicher Empfehlungen. Die Nutzer müssen dafür nicht einmal gezielt nach weiteren Beiträgen suchen.

Nach Einschätzung der Kommission kann diese Form der Personalisierung psychische Probleme verstärken. Sie nennt unter anderem Angst- und Essstörungen. Besonders bei Minderjährigen befürchtet Brüssel, dass die wiederholte Konfrontation mit solchen Inhalten gesundheitliche Folgen haben könnte. Hinzu kommt die Art, wie TikTok seine Videos präsentiert. Ist ein Beitrag beendet, folgt unmittelbar der nächste. Zusammen mit den personalisierten Empfehlungen kann das dazu beitragen, dass Nutzer deutlich länger durch den Feed scrollen.

Ein Klick auf „Nicht interessiert“ genügt nicht

TikTok bietet bereits Funktionen an, mit denen sich die Empfehlungen beeinflussen lassen. Dazu gehört die Möglichkeit, einzelne Videos als uninteressant zu markieren. Der Algorithmus soll solche Rückmeldungen bei der weiteren Auswahl berücksichtigen. Der EU-Kommission geht das nicht weit genug. Nach ihren bisherigen Erkenntnissen reichen diese Maßnahmen nicht aus, um die beanstandeten Empfehlungsmuster zuverlässig zu unterbrechen.

Brüssel fordert deshalb mehr Einflussmöglichkeiten für die Nutzer. Sie sollen selbst stärker bestimmen können, welche Themen in ihrem Feed auftauchen. Vor allem soll TikTok die bisherige Bedeutung der Wiedergabedauer für seine Empfehlungen zurücknehmen. Das wäre mehr als eine Änderung an den Einstellungen. Die „For You“-Seite ist der zentrale Bestandteil der App. Ihre Empfehlungen entstehen weitgehend automatisch und passen sich laufend dem Verhalten der Nutzer an. Gerade diese schnelle Anpassung unterscheidet TikTok von Plattformen, bei denen hauptsächlich Beiträge abonnierter Konten angezeigt werden. Wie der Konzern die Forderungen technisch umsetzen könnte, ist noch offen. Die Kommission hat zunächst ihre vorläufigen Untersuchungsergebnisse vorgelegt. Eine endgültige Entscheidung steht aus.

Auch andere TikTok-Funktionen werden untersucht

Mit dem Empfehlungsalgorithmus beschäftigt sich Brüssel nicht zum ersten Mal. Bereits bei der Eröffnung des Verfahrens im Februar 2024 gehörten mögliche Suchtgefahren zu den untersuchten Punkten. Dabei steht auch das automatische Abspielen neuer Videos in der Kritik. Ein weiteres Verfahren betrifft den Schutz Minderjähriger vor unerwünschten Kontakten. Im Juli 2026 beanstandete die Kommission unter anderem, dass öffentliche Benutzerkonten von Kindern und Jugendlichen für Fremde sichtbar sind. Dadurch könnten diese auch von Personen kontaktiert werden, die missbräuchliche Absichten verfolgen.

Die Untersuchungen laufen damit an mehreren Stellen der Plattform. Während es bei den Kontaktmöglichkeiten um den unmittelbaren Schutz junger Nutzer geht, richtet sich die aktuelle Kritik gegen die Auswahl und Wiederholung der angezeigten Inhalte. Eine Geldbuße hat die Kommission seit Beginn ihrer Untersuchungen gegen TikTok bislang nicht verhängt. Das lange Verfahren stößt auch auf Kritik. Brüssel begründet die Dauer damit, dass mögliche Entscheidungen einer gerichtlichen Überprüfung standhalten müssen.

TikTok droht eine Geldbuße

Noch hat die EU-Kommission keinen Verstoß gegen den DSA festgestellt. TikTok kann sich zu den Vorwürfen äußern und Änderungen an seinem Empfehlungssystem anbieten. Ob diese ausreichen, muss die Behörde anschließend beurteilen. Stellt Brüssel einen Rechtsverstoß fest, kann es für den ByteDance-Konzern teuer werden. Der DSA sieht Geldbußen von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes vor. Werden angeordnete Maßnahmen nicht umgesetzt, sind zusätzlich tägliche Zwangsgelder möglich.

Für TikTok geht es allerdings nicht allein um eine mögliche Strafe. Die Kommission verlangt Eingriffe in die Funktionsweise des Feeds, über den ein großer Teil der Videonutzung stattfindet. Insbesondere die Frage, wie stark die Wiedergabedauer künftig noch über weitere Empfehlungen entscheiden darf, dürfte im weiteren Verfahren eine wesentliche Rolle spielen.

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