Digitale Brieftasche und German Angst: Deutschlands Angst vor Veränderung

Deutschland will digitaler werden. Zumindest solange sich dadurch möglichst wenig verändert. Seit Jahren wird über Faxgeräte in Behörden, überfüllte Bürgerämter und den technologischen Rückstand gegenüber anderen europäischen Ländern geschimpft. Kaum kündigt sich allerdings eine konkrete Neuerung an, beginnt das übliche Theater. Ausweis und Führerschein auf dem Smartphone? Um Gottes willen. Was da nicht alles passieren könnte! Ab 2027 soll die digitale Brieftasche, die sogenannte EUDI-Wallet, auch in Deutschland verfügbar sein. Personalausweis, Führerschein und weitere Nachweise sollen sich damit künftig digital verwalten lassen. Eine Entwicklung, die eigentlich niemanden mehr überraschen dürfte. Schließlich erledigen Millionen Menschen ihre Bankgeschäfte längst über das Smartphone, bezahlen damit im Supermarkt oder verwalten ihre Fahrkarten digital.

Symbolfoto: unsplash

Doch ein Blick in die Kommentarspalten sozialer Netzwerke genügt, um zu erkennen, wie tief die Ablehnung gegenüber technischen Veränderungen hierzulande teilweise sitzt. Das Smartphone könnte gestohlen werden. Der Akku könnte leer sein. Hacker könnten persönliche Daten abgreifen. Und überhaupt: Warum muss denn immer alles digital werden? Man könnte meinen, die Bundesregierung plane die ersatzlose Abschaffung sämtlicher Ausweisdokumente und die verpflichtende Implantation eines Mikrochips. Tatsächlich geht es zunächst um eine zusätzliche Möglichkeit, Dokumente digital zu nutzen.

German Angst: Hauptsache erst einmal dagegen

Für dieses Phänomen gibt es einen ziemlich treffenden Begriff: German Angst. Die ausgeprägte Fähigkeit, bei jeder Veränderung zunächst sämtliche denkbaren Katastrophen durchzuspielen und mögliche Vorteile konsequent auszublenden. Selbstverständlich muss man neue Technologien kritisch hinterfragen. Gerade bei digitalen Identitätsnachweisen sind Datenschutz und IT-Sicherheit keine Nebensächlichkeiten. Wer persönliche Dokumente auf einem Smartphone verwaltet, muss sich auf die vorgesehenen Schutzmechanismen verlassen können. Was in manchen Kommentarspalten stattfindet, ist allerdings keine ernsthafte Auseinandersetzung mit technischen Risiken. Es ist häufig schlicht die Suche nach Gründen, warum etwas auf keinen Fall funktionieren kann. Das Smartphone könnte gestohlen werden? Natürlich. Eine Geldbörse offenbar nicht. Zumindest könnte man diesen Eindruck gewinnen, wenn man manche Kommentare liest. Dass bei einem klassischen Diebstahl gleich mehrere Dokumente und Zahlungsmittel verschwinden können, wird dabei geflissentlich ignoriert.

Digitale Nachweise lassen sich dagegen durch zusätzliche Authentifizierungsverfahren schützen. Zugriffsrechte und digitale Berechtigungen können je nach Umsetzung gesperrt oder widerrufen werden. Eine Plastikkarte besitzt solche technischen Schutzmöglichkeiten nicht. Und dann wäre da noch der leere Akku. Der Klassiker schlechthin. Sobald irgendetwas auf dem Smartphone verfügbar sein soll, dauert es nicht lange, bis jemand auf dieses vermeintliche Totschlagargument zurückgreift. Ja, ein ausgeschaltetes Smartphone kann keine Dokumente anzeigen. Herzlichen Glückwunsch zu dieser Erkenntnis. Wer deswegen weiterhin seine Geldbörse mitnehmen möchte, darf das selbstverständlich tun. Warum daraus allerdings folgen soll, dass Millionen andere Menschen keine digitale Alternative erhalten sollten, bleibt ein Rätsel.

Vor Hackern zittern, aber Sicherheitsupdates sind Teufelswerk

Besonders absurd wird die Diskussion beim Thema IT-Sicherheit. Kaum wird eine neue digitale Anwendung angekündigt, stehen die üblichen Warnungen vor Hackern, Datenklau und Sicherheitslücken im Raum. Gleichzeitig begegnet einem immer wieder eine erstaunliche Abneigung gegen Softwareupdates. Da wird über Windows geschimpft, weil schon wieder eine Aktualisierung installiert werden soll. Sicherheitsupdates werden wochenlang hinausgezögert oder gleich vollständig deaktiviert. Schließlich lief das System vorher doch auch. Warum also etwas verändern? Dass Hersteller mit solchen Aktualisierungen regelmäßig Sicherheitslücken schließen, die Angreifer längst kennen oder sogar aktiv ausnutzen, interessiert dann offenbar weniger.

Wer jahrelang mit einem veralteten Betriebssystem oder ungepatchten Anwendungen unterwegs ist, sollte sich jedenfalls nicht wundern, wenn irgendwann genau jene Schwachstellen ausgenutzt werden, für die längst Sicherheitskorrekturen bereitstehen. Natürlich kann ein Update Probleme verursachen. Nicht jede Aktualisierung muss blind und sofort installiert werden. Gerade in produktiven Umgebungen sind Tests und ein kontrolliertes Patchmanagement sinnvoll. Aber daraus eine grundsätzliche Ablehnung von Sicherheitsupdates abzuleiten, ist technisch ungefähr so überzeugend, wie die Haustür offen stehen zu lassen und anschließend über Einbrecher zu schimpfen.

Das eigentlich Bemerkenswerte ist der Widerspruch: Einerseits wird bei jeder neuen Technologie der nächste große Cyberangriff befürchtet. Andererseits gelten selbst grundlegende Maßnahmen zur Absicherung der eigenen Geräte mitunter als unnötige Bevormundung. Ob ausgerechnet die lautesten Gegner der digitalen Brieftasche auch ihre Sicherheitsupdates verweigern, lässt sich aus den Kommentaren nicht belegen. Beide Haltungen begegnen einem in Technikdiskussionen aber regelmäßig. Wer Sicherheitsupdates für Teufelswerk hält, sollte sich über gehackte Anwendungen nicht wundern. German Angst ersetzt weder Fachwissen noch ein vernünftiges Sicherheitskonzept.

Datenschutzpanik auf Facebook – genau mein Humor

Fast noch schöner ist die Diskussion über den angeblich gläsernen Bürger. Besonders dann, wenn sie ausgerechnet auf Facebook geführt wird. Da wird vor staatlicher Überwachung, Datenmissbrauch und dem Verlust der Privatsphäre gewarnt. Und das auf einer Plattform, deren Betreiber seit Jahren umfangreiche Nutzerdaten verarbeitet und mit personalisierter Werbung Geld verdient. Man muss diese Ironie erst einmal auf sich wirken lassen. Natürlich ist die Nutzung von Facebook kein Freifahrtschein für staatliche Datensammlungen. Wer sich dort anmeldet, verliert nicht plötzlich das Recht, andere digitale Angebote kritisch zu hinterfragen. Aber ein wenig Differenzierung wäre durchaus angebracht.

Eine digitale Brieftasche ist schließlich nicht automatisch eine zentrale Datenbank, in der jede Bewegung und jeder Identitätsnachweis protokolliert wird. Die europäische Wallet soll vielmehr ermöglichen, Identitätsdaten und bestimmte Eigenschaften gezielt nachzuweisen. Wer beispielsweise nur bestätigen muss, dass er volljährig ist, sollte dafür nicht gleichzeitig seinen vollständigen Namen, seine Anschrift und sein Geburtsdatum offenlegen müssen. Das ist ein durchaus interessanter Ansatz für mehr Datensparsamkeit. Ob er in der Praxis zuverlässig funktioniert, muss sich zeigen. Darüber kann und sollte man diskutieren. Stattdessen wird teilweise schon die bloße Existenz einer digitalen Ausweisfunktion als Beweis für die nächste große Überwachungsmaßnahme betrachtet. Technische Zusammenhänge verstehen? Offenbar optional. Möglichst laut davor warnen? Jederzeit.

Die Verwaltung ist schlecht digitalisiert – und nun?

Auch die Behörden haben in den vergangenen Jahren reichlich dazu beigetragen, dass viele Menschen von der Digitalisierung wenig halten. Mal braucht es ein neues Benutzerkonto, mal funktioniert die Anmeldung nicht und beim nächsten Behördengang stellt sich heraus, dass der vermeintlich digitale Antrag doch wieder ausgedruckt und unterschrieben werden muss. Da fragt man sich schon, was daran eigentlich digital sein soll. Ein Formular am Bildschirm auszufüllen, damit es anschließend auf dem Postweg beim Sachbearbeiter landet, ist jedenfalls kein Fortschritt, auf den man besonders stolz sein müsste. Dass solche Erfahrungen nicht gerade Vertrauen schaffen, dürfte niemanden überraschen. Die EUDI-Wallet muss deshalb mehr können, als ein digitales Dokument auf dem Smartphone anzuzeigen.

Sie muss sich sinnvoll in Verwaltungsabläufe integrieren lassen und tatsächlich dafür sorgen, dass bislang umständliche Vorgänge einfacher werden. Aber irgendwann wird die ständige Berufung auf schlechte staatliche IT auch zur bequemen Ausrede. Ja, die Verwaltung muss besser werden. Ja, Anwendungen müssen zuverlässig funktionieren. Und ja, Datenschutz und IT-Sicherheit müssen von Anfang an berücksichtigt werden. Nur kann man nicht einerseits beklagen, dass Deutschland bei der Digitalisierung hoffnungslos zurückliegt, und andererseits jede neue Lösung schon vor ihrer Einführung zum Scheitern verurteilen. Wenn wir darauf warten, dass eine Technologie unter allen denkbaren Umständen vollkommen fehlerfrei funktioniert, können wir die Digitalisierung gleich ganz einstellen.

Niemand nimmt euch die Plastikkarte weg

Was mich an der gesamten Debatte besonders stört, ist die Vorstellung, dass persönliche Ablehnung automatisch ein Argument gegen die Einführung einer neuen Möglichkeit sein soll. Wer keine digitale Brieftasche nutzen möchte, lässt es eben bleiben. Wer seinen Ausweis lieber im Portemonnaie trägt, kann das weiterhin tun. Niemand muss sich dafür rechtfertigen. Auch Menschen ohne Smartphone dürfen bei staatlichen Dienstleistungen nicht ausgeschlossen werden. Ebenso müssen technische Barrieren und die Anforderungen älterer oder weniger technikaffiner Menschen berücksichtigt werden. Das ist selbstverständlich und sollte bei jeder öffentlichen Digitalisierungsstrategie mitgedacht werden.

Aber warum muss aus einem einfachen „Ich möchte das nicht nutzen“ regelmäßig ein grundsätzliches „Das darf es nicht geben“ werden? Ich nutze selbst längst nicht jede digitale Anwendung. Manche sind schlecht umgesetzt, andere bieten mir schlicht keinen Mehrwert. Dann verzichte ich darauf. Deshalb käme ich allerdings nicht auf die Idee, anderen Menschen diese Möglichkeit ebenfalls verwehren zu wollen. Die digitale Brieftasche nimmt niemandem den bisherigen Ausweisdokumente weg. Sie schafft eine zusätzliche Option. Nicht mehr und nicht weniger. Dass selbst das bereits für derart viel Aufregung sorgt, sagt einiges über unser Verhältnis zu technischem Fortschritt aus.

Das eigentliche Problem beginnt im Kopf

Wir reden in Deutschland gerne darüber, wie weit uns andere Länder bei der Digitalisierung voraus sind. Skandinavien wird regelmäßig als Vorbild genannt, ebenso Estland mit seiner weitgehend digitalisierten Verwaltung. Nur scheint dabei gelegentlich vergessen zu werden, dass solche Entwicklungen auch eine gewisse Offenheit gegenüber neuen Technologien voraussetzen. Es reicht nicht, von Politik und Unternehmen ständig Innovationen einzufordern, wenn man selbst schon bei einer digitalen Ausweisfunktion grundsätzlich auf Abwehr schaltet. Niemand muss Informatik studiert haben, um eine digitale Brieftasche nutzen zu können. Niemand muss sämtliche technischen Details verstehen. Aber ein Mindestmaß an Bereitschaft, sich mit neuen Möglichkeiten auseinanderzusetzen, sollte man schon erwarten dürfen. Vor allem sollte man zwischen einer tatsächlichen Sicherheitslücke und einer bloßen Befürchtung unterscheiden können. Nicht alles, was digital ist, ist automatisch unsicher. Genauso wenig ist etwas allein deshalb sicher, weil es seit Jahrzehnten auf Papier oder Plastik existiert.

Die EUDI-Wallet wird ihre Alltagstauglichkeit erst noch beweisen müssen. Es wird technische Probleme geben, möglicherweise auch Sicherheitslücken. Das ist bei komplexer Software nicht ausgeschlossen und muss entsprechend ernst genommen werden. Nur ist das kein Grund, auf die Entwicklung solcher Systeme von vornherein zu verzichten. Mich stört deshalb weniger, dass manche Menschen ihre Dokumente lieber analog behalten möchten. Das ist ihre Entscheidung. Mich nervt die beinahe reflexartige Ablehnung von den Ewiggestrigen, die oft schon einsetzt, bevor überhaupt klar ist, wie eine neue Technologie funktionieren soll. Deutschland hat zweifellos ein Problem mit seiner Verwaltungsdigitalisierung. Aber wir sollten endlich aufhören, so zu tun, als säße die Ursache ausschließlich in irgendwelchen Ministerien oder Behörden.

Ein Teil des Problems sitzt auch vor dem Bildschirm, beschwert sich über den digitalen Stillstand und erklärt im nächsten Kommentar, warum ausgerechnet die nächste Neuerung auf keinen Fall kommen darf.

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28 Kommentare zu “Digitale Brieftasche und German Angst: Deutschlands Angst vor Veränderung”

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