Im Europäischen Parlament ist ein Vorstoß gegen die erneute Einführung der umstrittenen Übergangsregelung zur Chatkontrolle gescheitert. Zwar stimmte eine Mehrheit der Abgeordneten gegen die bisherige Regelung, für eine Zurückweisung der Position des Rates reichte das Ergebnis jedoch nicht aus. 314 Parlamentarier votierten für die Abschaffung, 276 unterstützten die Beibehaltung. Nötig gewesen wären allerdings 360 Stimmen. Damit könnte die seit April ausgelaufene Übergangsregelung erneut in Kraft treten.
Ausnahme von der ePrivacy-Richtlinie
Die Regelung wurde 2021 als Ausnahme von der ePrivacy-Richtlinie eingeführt. Sie erlaubt Online-Diensten, Inhalte privater Kommunikation freiwillig nach Darstellungen sexualisierter Gewalt gegen Kinder zu durchsuchen. Treffer können anschließend gemeldet und entfernt werden. Eine gesetzliche Pflicht zur Überwachung besteht dabei nicht. Die Regelung schafft jedoch die rechtliche Grundlage dafür, dass Anbieter entsprechende Scan-Verfahren einsetzen dürfen.
Kritik an möglichen Scans vor der Verschlüsselung
Besonders umstritten ist der Umgang mit Ende-zu-Ende-verschlüsselten Nachrichten. Solche Inhalte können Anbieter normalerweise nicht einsehen, da sie nur auf den Geräten der beteiligten Nutzer entschlüsselt werden. Kritiker befürchten deshalb, dass Inhalte bereits vor der Verschlüsselung automatisiert geprüft werden könnten. Dieses sogenannte Client-Side-Scanning würde direkt auf dem Endgerät stattfinden.
Wir konnten uns im EU-Parlament nicht durchsetzen, die Chatkontrolle kommt.Ein schlechter Tag für Bürgerrechte und den Schutz von Kindern im Netz. Kinder müssen besser geschützt werden, aber mit gezielten, effektiven Maßnahmen – nicht als Vorwand zur Massenüberwachung.
— Erik Marquardt (@erik-marquardt.eu) 2026-07-09T17:41:51.443Z
Verdachtsfälle könnten anschließend an Behörden weitergeleitet werden. Gegner der Maßnahme warnen jedoch vor hohen Fehlerquoten. Dadurch könnten auch unverdächtige Nutzer ins Visier geraten, während Ermittlungsbehörden mit einer großen Zahl harmloser Meldungen belastet würden.
Antrag auf richterlichen Beschluss scheitert
Ohne Erfolg blieb außerdem ein Antrag, der die Durchsuchung auf Konten beschränken sollte, für die bereits ein richterlicher Beschluss vorliegt. Eine solche Begrenzung fand keine ausreichende Mehrheit. Gleichzeitig sprach sich das Parlament dafür aus, Ende-zu-Ende-verschlüsselte Inhalte von den Scan-Regeln auszunehmen. Praktisch dürfte diese Änderung jedoch nur begrenzte Auswirkungen haben, da Anbieter verschlüsselter Messenger laufende Nachrichten ohnehin nicht ohne Weiteres einsehen können.
Rat muss über Änderungen entscheiden
Die überarbeitete Position des Europäischen Parlaments geht nun zurück an den Rat der Europäischen Union. Dieser hat drei Monate Zeit, den Änderungen zuzustimmen oder sie abzulehnen. Lehnt der Rat die Änderungen ab, geht der Entwurf in den Vermittlungsausschuss. Finden Rat und Parlament dort einen gemeinsamen Text, könnte die Übergangsregelung bis 2028 gelten – oder früher durch eine dauerhafte Regelung ersetzt werden.
Kritik von Ex-MdEP Patrick Breyer
Der frühere Europaabgeordnete Patrick Breyer von der Piratenpartei bezeichnete die Chatkontrolle als „anlasslose Massenüberwachung“. Er kritisierte zudem, dass sich trotz einer Mehrheit der abgegebenen Stimmen gegen die Regelung keine ausreichende Mehrheit für deren Ablehnung gefunden habe. Das Ergebnis zeigt damit vor allem ein verfahrensrechtliches Problem: Eine einfache Mehrheit reichte nicht aus. Obwohl mehr Abgeordnete gegen die bisherige Regelung stimmten, konnte die Position des Rates nicht zurückgewiesen werden. Ob die Übergangsregelung tatsächlich erneut in Kraft tritt, ist noch offen. Die Entscheidung liegt nun beim Rat und möglicherweise anschließend bei einem Vermittlungsausschuss.

Kaputte Demokratie und kaputte EU. Zu einem wirksamen Beschluß sollte immer eine Mehrheit ZUstimmen müssen und nicht gegen einen Antrag votieren müssen. Das ist keine Demokratie, das ist eine Autokratie mit demokratischem Anstrich. Wenn keine Mehrheiten zustande kommen, wird eben mit dem Verfahren getrickst.
Der Knackpunkt ist hier tatsächlich das Verfahren: Für die Zurückweisung der Position des Rates genügte keine einfache Mehrheit der abgegebenen Stimmen. Erforderlich war die absolute Mehrheit aller Europaabgeordneten. Deshalb fiel das Ergebnis trotz mehr Gegen- als Pro-Stimmen entsprechend aus.
Ich nenne das einen totalitären Überwachungsstaat. Aber der Mehrheit is es ja anacheinend egal was da abgeht. Vorallem werden in den Kommentaren wieder einige jubeln. 🙄🤦🏻
Fest steht bislang nur, dass der Versuch gescheitert ist, die Position des Rates mit der erforderlichen Mehrheit zurückzuweisen. Wie die endgültige Regelung aussehen wird, entscheidet sich erst in den weiteren Verhandlungen zwischen Parlament und Rat.
Ganz ehrlich gesagt brauchen wir uns keine Illusionen machen. Das wird durchgewunken werden. Zuerst in einer Light Version und dann mit härteren Massnahmen. 🙄🙄
Also wirklich, dieses Drama um „Mitlesen“ ist schon faszinierend.
Man könnte meinen, wir alle führen streng geheime Doppelleben und die Regierung steht kurz davor, unsere streng vertraulichen Katzenfotos zu entschlüsseln.
Was genau verstecken denn alle?
Die Steuererklärung von 2017?
Die peinlichen WhatsApp‑Sticker?
Oder die tiefschwarze Wahrheit, dass man heimlich um 3 Uhr morgens TikTok‑Videos schaut?
Ich sag’s mal so: Ich mag Überwachung auch nicht — aber dieser kollektive Herzinfarkt wirkt manchmal, als hätte jemand die Privatsphäre mit einem heiligen Artefakt verwechselt. Wenn ich nichts anstelle, ist’s mir doch egal. Und wenn irgendwo was passiert, ist’s doch sogar praktisch, wenn die Daten direkt zeigen: Nein, Überraschung, ich war nicht der internationale Superschurke.
Und ganz ehrlich: Wir werfen unsere Daten doch sowieso täglich wie Gratisproben in die Welt.
Bonuskarte? Klar.
App will meinen Standort? Nimm ihn, gönn dir.
Push‑Ticker? Ja, ja, ich stimme allem zu, lass mich einfach den Artikel lesen.
Aber beim Thema „Nachrichten mitlesen“ plötzlich: Skandal! Unzumutbar! Freiheit in Gefahr!
Schon ein bisschen süß.
Und seit KI angeblich „nur zum Lernen“ sowieso überall reinschaut, ist die Privatsphäre doch eher ein nostalgisches Hobby geworden — so wie DVDs sammeln oder ICQ‑Nummern auswendig wissen.
Sorry nicht Böse sein bitte