Nach drei ukrainischen Drohnenangriffen auf Rechenzentren des russischen Technologiekonzerns Yandex innerhalb von vier Tagen ist der automatisierte Datenverkehr aus dessen Netzwerk deutlich zurückgegangen. Das zeigen Auswertungen von Cloudflare Radar. Besonders auffällig ist die Entwicklung am 11. Oktober: Gegenüber dem Durchschnitt der zweiten Septemberhälfte wurden zeitweise rund 94 Prozent weniger automatisierte Anfragen registriert. Betroffen ist unter anderem das autonome System AS13238, über das Yandex seine Suchmaschinen-Crawler betreibt. Diese durchsuchen weltweit Webseiten, um Inhalte für die Suchmaschine zu erfassen und zu aktualisieren.
Cloudflare Radar zeigt Einbruch um bis zu 94 Prozent
Die Statistiken von Cloudflare Radar zeigen, dass rund 99,6 Prozent der erfassten Anfragen aus AS13238 automatisiert erfolgen. Lediglich 0,4 Prozent werden als menschlicher Datenverkehr eingestuft. Für einen Suchmaschinenbetreiber ist das zunächst nicht ungewöhnlich. Deutlich interessanter ist die Entwicklung seit dem 8. Oktober. Eine externe Auswertung der stündlichen Cloudflare-Daten zeigt zunächst einen Rückgang um etwa 25 Prozent gegenüber dem Durchschnitt der zweiten Septemberhälfte. Am 9. und 10. Oktober lag das Anfragevolumen rund 35 Prozent darunter. Am 11. Oktober erreichte der Rückgang schließlich etwa 94 Prozent. Eine weitere Analyse ermittelte für denselben Tag um 03:00 Uhr UTC lediglich 0,29 Prozent des höchsten Anfragevolumens im untersuchten Zeitraum.
Die Werte basieren auf unterschiedlichen Vergleichsgrößen und sind deshalb nicht unmittelbar miteinander vergleichbar. Auch beim separaten Yandex-Cloud-Netzwerk AS200350 wurde ein deutlicher Rückgang festgestellt. Dort lag der Traffic einer externen Auswertung zufolge am 11. Oktober rund 82 Prozent unter dem September-Durchschnitt. Die Cloudflare-Daten erfassen Anfragen aus den jeweiligen Netzwerken an Webseiten, die Cloudflare verwenden. Sie zeigen damit Veränderungen im Datenverkehr, lassen aber keine unmittelbaren Rückschlüsse auf die Zahl ausgefallener Server oder den Zustand einzelner Rechenzentren zu.
Drei Angriffe auf Yandex-Rechenzentren
Am 8. Oktober trafen ukrainische Drohnen zunächst ein Yandex-Rechenzentrum in Sasowo in der russischen Region Rjasan. Auf dem Gelände brach ein Feuer aus. Einen Tag später wurde eine weitere Anlage in der Region Kaluga angegriffen, wobei Teile der Infrastruktur außer Betrieb gesetzt wurden. Am 11. Oktober folgte ein Angriff auf ein Rechenzentrum in Wladimir, rund 170 Kilometer östlich von Moskau. Yandex bestätigte Schäden und stellte den Betrieb des Standorts vollständig ein. Die Ausfälle betrafen auch Geschäftskunden, die Anwendungen und Datenbanken über Yandex Cloud betreiben. Ob sämtliche bei Cloudflare beobachteten Veränderungen unmittelbar auf die Drohnenangriffe zurückzuführen sind, lässt sich bislang nicht abschließend feststellen. Der zeitliche Zusammenhang ist allerdings auffällig.
Weniger Bot-Traffic bedeutet nicht weniger Propaganda-Bots
Teilweise wurde der Rückgang des automatisierten Datenverkehrs mit einer Beeinträchtigung russischer Desinformationsnetzwerke in Verbindung gebracht. Dafür liefern die Cloudflare-Statistiken jedoch keinen ausreichenden Beleg. Suchmaschinen-Crawler sind ebenso Bots wie automatisierte Accounts in sozialen Netzwerken. Ihre Aufgaben unterscheiden sich allerdings grundlegend. Während Yandex-Crawler Webseiten für die Suchmaschine erfassen, verbreiten Bots beispielsweise automatisiert Beiträge oder Kommentare. Aus den Messwerten für AS13238 lässt sich deshalb nicht ableiten, ob und in welchem Umfang russische Desinformationsnetzwerke von den Angriffen betroffen sind. Der Rückgang um 94 Prozent beschreibt das gemessene Anfragevolumen und nicht die Zahl ausgefallener Bot-Accounts.
Auch Russlands KI-Infrastruktur könnte betroffen sein
Besonders relevant ist der Angriff auf Sasowo. Dort befinden sich laut Reuters zwei der drei Supercomputer, die Yandex für das Training seiner KI-Modelle einsetzt. Die Systeme Chervonenkis und Lyapunov gehören zu den wichtigsten Rechenkapazitäten des Konzerns. Ob die Supercomputer selbst beschädigt wurden, ist nicht bestätigt. Allerdings können bereits Unterbrechungen der Stromversorgung oder Kühlung den Betrieb solcher Anlagen erheblich beeinträchtigen. Hinzu kommt, dass Russland aufgrund westlicher Exportbeschränkungen nur eingeschränkt Zugang zu leistungsfähiger Rechenzentrumstechnik hat. Die ukrainischen Angriffe treffen damit einen wichtigen Teil der russischen Digitalwirtschaft. Neben Suchmaschinen und Cloud-Diensten könnten auch längerfristige KI-Projekte beeinträchtigt werden, sofern die betroffenen Rechenkapazitäten nicht zeitnah wiederhergestellt werden können.
AWS-Angriffe zeigen die möglichen Folgen
Welche Auswirkungen die physische Beschädigung großer Rechenzentren haben kann, zeigte sich bereits im März 2026 bei Amazon Web Services (AWS). Damals wurden zwei AWS-Einrichtungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten direkt von iranischen Drohnen getroffen. Auch die Infrastruktur in Bahrain wurde beschädigt. Zahlreiche Cloud-Dienste, darunter EC2, S3 und DynamoDB, waren betroffen. Im September erklärte AWS schließlich, dass bestimmte ausschließlich in den beschädigten Anlagen gespeicherte Daten und Ressourcen nicht mehr zugänglich gemacht werden können. Bei Yandex ist das tatsächliche Schadensausmaß noch offen. Die Cloudflare-Auswertungen dokumentieren jedoch bereits erhebliche Veränderungen im automatisierten Datenverkehr. Ob und wann das Anfragevolumen wieder das vorherige Niveau erreicht, bleibt abzuwarten.

