Der Digital Services Act war lange vor allem eines: ein umfangreiches Regelwerk auf dem Papier. Inzwischen zeigt sich jedoch, dass Brüssel beginnt, die Vorgaben tatsächlich durchzusetzen. Mit neuen Verfahren gegen große Online-Plattformen rückt der Jugendschutz nun in den Mittelpunkt der praktischen Anwendung. Dass dieser Schritt kommt, überrascht nicht. Die Diskussion um Risiken für Minderjährige im Netz ist seit Jahren präsent, doch häufig blieb es bei Absichtserklärungen. Jetzt wird erstmals konkret geprüft, ob Plattformen ihre Verantwortung tatsächlich wahrnehmen – und genau das dürfte für einige Anbieter unangenehm werden.

Verfahren gegen Snapchat und mehrere Plattformen
Im Zentrum steht ein förmliches Verfahren gegen Snapchat. Parallel dazu hat die Europäische Kommission in bereits laufenden Untersuchungen vorläufige Feststellungen gegen mehrere große Plattformen für Erwachsenen-Inhalte veröffentlicht. Wichtig ist dabei: Es handelt sich noch nicht um endgültige Entscheidungen. Die Verfahren stehen am Anfang oder in einer Zwischenphase. Trotzdem ist die Richtung klar. Die Kommission macht deutlich, dass sie die Anforderungen des DSA nicht mehr nur interpretiert, sondern konkret anwendet.
Bundesnetzagentur sieht Rückenwind aus Brüssel
Auch in Deutschland wird der Schritt positiv aufgenommen. Der Digital Services Coordinator bei der Bundesnetzagentur spricht ausdrücklich von zusätzlichem Schwung für die Durchsetzung des DSA. Entscheidend ist dabei die Zusammenarbeit. Hinweise der Landesmedienanstalten und der Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz sind in die Verfahren eingeflossen. Das ist kein Detail, sondern zentral: Die Bewertungen basieren damit nicht auf theoretischen Annahmen, sondern auf konkreten Beobachtungen aus der Praxis. Genau das erhöht den Druck auf die Plattformen. Wer bisher auf formale Lösungen gesetzt hat, dürfte sich künftig genauer erklären müssen.
Snapchat: Plattformdesign im Fokus
Im Fall von Snapchat richtet sich der Blick weniger auf einzelne Inhalte, sondern stärker auf die Struktur des Dienstes selbst. Die Frage lautet im Kern: Begünstigt das Design der Plattform problematische Kontakte? Dabei geht es unter anderem darum, ob Minderjährige zu leicht angesprochen werden können oder ob Funktionen des Dienstes missbraucht werden können – etwa für die Anbahnung krimineller Aktivitäten oder die Verbreitung illegaler Angebote. Auch Themen wie Drogenhandel oder der Verkauf von Vapes an Minderjährige spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle. Das zeigt, dass der DSA deutlich weiter greift als klassische Inhaltskontrolle. Es geht nicht nur darum, was veröffentlicht wird, sondern auch darum, wie Plattformen grundsätzlich funktionieren.
Pornoplattformen: Alterskontrolle reicht nicht aus
Bei den untersuchten Pornoplattformen ist die Lage weniger komplex, dafür umso klarer. Nach vorläufiger Einschätzung der Kommission sind die bestehenden Maßnahmen zur Altersverifikation nicht ausreichend. Das Problem ist seit Jahren bekannt. Viele Plattformen setzen nach wie vor auf einfache Abfragen, die sich ohne großen Aufwand umgehen lassen. Aus regulatorischer Sicht reicht das nicht mehr aus, und genau hier setzt der DSA an. Die Botschaft ist eindeutig: Wer Inhalte für Erwachsene anbietet, muss sicherstellen, dass Minderjährige tatsächlich draußen bleiben – und nicht nur theoretisch.
Leitlinien aus 2025 werden zum Maßstab
Eine wichtige Grundlage für die Verfahren sind die Leitlinien zum Schutz Minderjähriger, die im Sommer 2025 veröffentlicht wurden. Sie konkretisieren die Anforderungen des DSA und geben erstmals klare Vorgaben für die Praxis. Damit verändert sich die Ausgangslage für Plattformen erheblich. Es reicht nicht mehr, sich auf allgemeine Prinzipien zu berufen. Stattdessen müssen konkrete technische und organisatorische Maßnahmen nachweisbar umgesetzt werden. Gerade bei der Altersverifikation dürfte das zu einem Umdenken führen. Einfache Lösungen werden langfristig kaum noch Bestand haben.
Verfahren laufen – Ausgang offen
Noch ist offen, wie die Verfahren ausgehen. Konkrete Sanktionen stehen nicht im Raum, solange die Prüfungen nicht abgeschlossen sind. Dennoch dürfte sich bereits jetzt abzeichnen, wohin die Reise geht. Für Nutzer bedeutet das kurzfristig wenig Veränderung. Mittel- bis langfristig könnten jedoch strengere Zugangskontrollen, veränderte Funktionen oder neue technische Ansätze folgen. Besonders im Bereich Jugendschutz ist davon auszugehen, dass Plattformen nachschärfen müssen.
Sollen sie halt machen, dann nimmt man halt ein VPN und gaukelt der Webseite vor aus einem Land zu kommen wo eine Altersverifikation nicht nötig ist.
Und was ist, wenn ein VPN nicht mehr funktioniert? Bspw. weil es kein Land mehr gibt, dass keinen Altersnachweis anfordert? Oder weil der Websitebetreiber nur Zugriff aus Ländern erlaubt, die einen Altersnachweis erfordern? Was ist, wenn sich das auf quasi alle etablierten Dienste im Internet ausweitet? Was dann?
Und so wird unter dem Deckmantel des Kinder- und Jugendschutzes eine Kontrollplattform etabliert, die auf lange Sicht kontraproduktiv ist. Anstatt Aufklärung zu betreiben und Eltern in die Pflicht zu nehmen (was offensichtlich nicht funktioniert, weil es nicht funktionieren kann, denn die Verantwortlichen interessieren sich nicht im geringsten für ihre eigene Ausgeburt), entscheidet man sich (wieder mal) für Spaltung. Ja, wir sind uns alle einig, dass Kinder- und Jugendschutz gut und sinnvoll ist. Aber der Versuch, ein unkontrollierbares und im Prinzip rechtsfreies Medium kontrollieren zu wollen und in einem rechtssicheren Rahmen Jedermann zur Verfügung zu stellen, wird nicht funktionieren. Das kann gar nicht funktionieren. Das Gleiche versucht man seit Jahrzehnten mit den Raubkopierern, und man hat effektiv nichts erreicht. Die Strafverfolgungsbehörden und die Warez-Szene werden weiterhin ein ewiges Katz-und-Maus-Spiel betreiben. Der Kampf war von Anfang an verloren. Das ist auch jetzt und hier der Fall. Da spielt es auch keine Rolle, dass man es jetzt halt über Pornos und den damit notwendigen Kinder- und Jugendschutz probiert.
Das, was passieren wird, ist, dass weder Kinder noch Jugendliche vor irgendwas geschützt werden. Sie werden weiterhin für ihr Alter ungeeignete Medien konsumieren wie bisher auch. Der Internetnutzer wird aber zumindest an der Oberfläche gläserner, als er bisher war. Das ist das Ziel. Nichts anderes. Um Kinder- und Jugendschutz ging es nie und geht es auch jetzt nicht. Da ändert auch die öffentliche Wahrnhemung nichts. Denn nur weil etwas als positiv empfunden wird, bedeutet das nicht automatisch auch, dass es positiv ist.
Die letzten Zweifler dieser Vorlage hat man die Tage durch die Fernandes-Affäre abgeholt. DeepFake Pornos wurden von „Promis“ erstellt. Da müssen wir unsere Kinder vor schützen, denn zu viele nackte Menschen sind schädlich. Es gibt jetzt digitale Gewalt. Menschen wurden digital missbraucht. Jeder, der bei halbwegs klarem Verstand ist, weiss, dass es keine digitale Gewalt gibt. Aber wer ist in der heutigen Zeit noch bei klarem Verstand?