GPS hat unseren Alltag verändert – allerdings nur unter freiem Himmel. Sobald man ein Flughafenterminal, eine Messehalle oder ein Krankenhaus betritt, wird es ungenau. Genau hier setzt das Chemnitzer Unternehmen Pinpoint an, das auf dem Mobile World Congress 2026 in Barcelona eine Lösung präsentiert, die Indoor-Navigation aus der Nische holen soll. Im Mittelpunkt steht Ultra-Wideband, kurz UWB. Die Technik ist nicht neu. Neu ist vielmehr der Anspruch, sie herstellerübergreifend und massentauglich einzusetzen – unabhängig davon, ob ein Nutzer ein Android-Smartphone oder ein iPhone in der Tasche trägt.
UWB statt Bluetooth – warum das entscheidend ist
Viele Indoor-Lösungen der vergangenen Jahre basierten auf Bluetooth-Beacons. Das funktionierte, war aber selten präzise genug für echte Navigation. UWB arbeitet anders. Die Funkimpulse sind extrem kurz, die Zeitmessung erfolgt im Nanosekundenbereich. Das Ergebnis: Positionsbestimmungen im Bereich weniger Zentimeter. Pinpoint setzt dafür auf eigene, drahtlos synchronisierte Referenzpunkte im Gebäude – sogenannte „SATlets“. Diese fungieren als Zeitanker. Das mobile Endgerät berechnet seine Position relativ zu diesen Signalen. Der Vorteil: Die Intelligenz bleibt weitgehend im Gerät, nicht in einer Cloud.
Interoperabilität als Kernpunkt
Entscheidend ist jedoch nicht allein die Technik, sondern die Standardisierung. Grundlage ist der vom FiRa Consortium definierte UWB-Standard für interoperable Infrastrukturen. Damit sollen Geräte unterschiedlicher Hersteller auf dieselbe Infrastruktur zugreifen können. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. In der Vergangenheit waren viele Lösungen proprietär. Wer die Hardware stellte, kontrollierte auch das Ökosystem. FiRa verfolgt einen anderen Ansatz: gemeinsame Spezifikationen für Chips, Protokolle und Sicherheitsmechanismen. Für Anwender bedeutet das: Ein iPhone kann sich theoretisch genauso präzise positionieren wie ein Android-Gerät – sofern beide UWB unterstützen und die Infrastruktur kompatibel ist.
Live-Demo auf dem MWC
Auf dem MWC demonstriert Pinpoint ein Szenario, das im Messeumfeld durchaus Sinn ergibt: Zwei Nutzer navigieren direkt zueinander – unabhängig vom jeweiligen Gerät. In großen Menschenmengen kann das schneller funktionieren als jede klassische Standortfreigabe per Karte. Darüber hinaus zeigt das Unternehmen eine freihändige Navigation mit Smart Glasses.

Gerade in Industrieanlagen, Logistikzentren oder Kliniken wäre das mehr als nur Komfort. Wer dort unterwegs ist, hat in der Regel keine Hand frei, um permanent auf ein Display zu schauen. Ob sich die gezeigte Präzision unter realen Dauerbedingungen mit hunderten parallelen Nutzern halten lässt, bleibt eine Frage für den späteren Einsatz. Messe-Demos sind bekanntlich ein kontrolliertes Umfeld.
Apple öffnet die UWB-Schnittstelle
Ein weiterer Aspekt verdient besondere Aufmerksamkeit: Apple öffnet den Zugriff auf den UWB-Chip über eine offizielle Geräteschnittstelle. Bislang war UWB im Apple-Ökosystem primär für „Find My“-Funktionen nutzbar. Mit einer geöffneten API können Entwickler nun Positionsdaten direkt in eigene Anwendungen integrieren. Sobald Betriebssysteme den Zugriff erlauben, entstehen neue Geschäftsmodelle. Indoor-Routing in großen Gebäuden, präzise Service-Angebote am Standort oder kontextabhängige Informationen werden damit realistischer.
Vom Spezialfall zur Infrastruktur
Indoor-Navigation ist seit Jahren ein Versprechen. Die Technik war vorhanden, die breite Umsetzung jedoch fragmentiert. Unterschiedliche Standards, proprietäre Lösungen und fehlende Schnittstellen verhinderten einen Durchbruch. Mit einer standardisierten UWB-Infrastruktur, interoperablen Chips und offenen APIs könnte sich das ändern. Der Schritt von der Speziallösung zur Alltagsfunktion hängt allerdings nicht nur von einzelnen Startups ab. Entscheidend wird sein, wie schnell Gerätehersteller und Betreiber großer Gebäude mitziehen. Pinpoint nutzt den MWC 2026, um genau diese Vision sichtbar zu machen. Ob daraus ein Massenmarkt entsteht, wird sich nicht in Barcelona entscheiden – aber der Impuls ist gesetzt.

Meine geliebte Heimat Karl-Marx-Stadt.
Da die Positionsbestimmungen von eigenen, drahtlos synchronisierten Referenzpunkten (eben den genannten „SATlets“) abhängig ist, ist jedes Gebäude im Prinzip ein kontrolliertes Umfeld. Die Technik ist da. Die Machbarkeit wurde bewiesen. Jetzt liegt es an den Geräteherstellern aber auch vielmehr an den Betreibern grosser Gebäude, die Technik auszurollen. Wenn alle mitziehen, wäre das ein nicht zu unterschätzender Mehrwert für alle (Betreiber und Konsumenten). Ich hoffe inständig, dass sich das zeitnah durchsetzt und ein Massenmarkt etabliert wird.